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Rechte Antisemiten

Neulich hat Henryk M. Broder die Mail eines Antisemiten „mit menschlichem Antlitz“ veröffentlicht https://www.achgut.com/artikel/antisemitismus_mit_menschlichem_antlitz, die ihn nach einem Interview auf „Welt“-TV erreichte, in dem er festgestellt hatte, dass die Welt noch eine Rechnung mit den Juden offen zu haben scheint. Die Einschätzung, dass Deutschland ein Problem mit eingewandertem Antisemitismus hat, teilt der Mail-Schreiber. Die Erklärung für den aktuellen Antisemitismus erschöpft sich allerdings nicht darin. Die Antwort auf die Frage, weshalb die Welt glaubt, dass sie noch ein Hühnchen mit Juden zu rupfen hätte, ergäbe sich dem Mail-Verfasser zufolge glasklar aus dem Verhalten von Juden. Und hier wird es aufschlussreich.
Israelis hätten sich im Gaza-Streifen nach 1967 wie „Cowboys“ aufgeführt und die dortige Bevölkerung vertrieben und abgeschlachtet. Das hätte der Mail-Schreiber erkannt, als er begonnen habe, sich mit Politik zu befassen, nachdem er zuvor noch „israelische Volkstänze“ – was immer das sein soll – getanzt und die Musik gemocht habe. Die Fantasien, die er dann ausbreitet, lassen tief blicken: Wie deutsche Volksvertreter „vor Israel im Dreck“ zu „kriechen“, präsentiere keine „stolze und aufrechte Nation“, die Deutschland seiner Ansicht nach sein sollte. Eine „permanente Gehirnwäsche und Indoktrination“ mache Deutsche „zu Vasallen“, die „psychischer Gewalt“ ausgesetzt wären. Das Ganze klingt nach einem Elternhaus a la Winifred Wagner, der einstigen Bayreuther Festspiel-Chefin, die ihren neunjährigen Enkel Gottfried in den fünfziger Jahren vor der „Verfälschung“ und „Manipulation der New Yorker Juden“ warnte, die versuchen würden, Deutschland kleinzuhalten  https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/wagnergottfried100.html. Der 1947 geborene Sohn Wolfgang Wagners zeigte immerhin, wie man sich als Erwachsener selbst erfolgreich vom Erbe der Urgroßeltern, Großeltern und Eltern entgiftet.

Vermutlich ist der Mail-Schreiber, der sich selbst zu einer „jungen Generation“ zählt, um etwa die gleiche Zeit geboren wie Gottfried Wagner, möglicherweise auch ein paar Jahre später. Es gab 1945 in Deutschland um die 10 bis 13 Millionen organisierte Nationalsozialisten, etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung. Um 2025 von „Gehirnwäsche“, „Indoktrination“, „psychischer Gewalt“ und „Vasallen“ zu schwafeln, sich gedemütigt zu fühlen, Politiker vor Israel „im Dreck kriechen“ gesehen zu haben und sich mehr ungebrochenen Nationalstolz zu wünschen, muss man schon ein recht entspanntes Verhältnis zur Zeit zwischen 1933 und 1945 haben, über keinerlei Kenntnisse der deutsch-israelischen Beziehungen  verfügen und die Amerikaner („Cowboys“) nicht mögen.

Um wiederum den Zentralrat der Juden eine „institutionalisierte Nörgelbrigade“ und die inzwischen über 90-jährige Charlotte Knobloch, die sich für mehr Patriotismus in Deutschland und gegen Schuldgefühle unter den Jüngeren ausgesprochen hatte, eine „Hasspredigerin“ zu nennen, muss man innerpsychisch schon sehr speziell ausgestattet sein. Die Mail hat den Duktus eines Wolfgang Gedeon und es wird mehr als einen von seinem Schlage in den westlichen AfD-Landesverbänden geben, die glauben, dass „durch ewige Schuldzuweisungen und endlose Gedenkstättenarbeit die Deutschen zu willigen Sklaven“ erzogen würden. Wären da nicht Zeilen wie diese und die Sehnsucht nach Nationalstolz, könnte die Mail auch von Leuten stammen, die im und außer Zweifel links sind.