Das könnte man als Kommentar zu den wiederkehrenden Investitionsruinen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik auffassen, ist aber eine Zeile aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Das Karussell, Jardin du Luxembourg“ von 1906: „Mit einem Dach und seinem Schatten dreht / sich eine kleine Weile der Bestand / Von bunten Pferden, alle aus dem Land, / das lange zögert, eh es untergeht. / Zwar manche sind an Wagen angespannt, / doch alle haben Mut in ihren Mienen; / ein böser roter Löwe geht mit ihnen / und dann und wann ein weißer Elefant. / Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald, / nur dass er einen Sattel trägt und drüber ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt. // Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge / und hält sich mit der kleinen heißen Hand / dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge. // Und dann und wann ein weißer Elefant. // Und auf den Pferden kommen sie vorüber, / auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge / fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge / schauen sie auf, irgendwohin, herüber -. // Und dann und wann ein weißer Elefant. // Und das geht hin und eilt sich, dass es endet, / und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. / Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, / ein kleines kaum begonnenes Profil -. / Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, / ein seliges, das blendet und verschwendet / an dieses atemlose blinde Spiel …“
Der im Prag der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie geborene, ständig quer durch Europa reisende und mit Künstlern und Leuten aller Herren Länder korrespondierende Rilke schrieb das Gedicht in Paris, wo solche Kinderkarussellfahrten Alltag waren. Wie in nahezu allen Vergnügungsparks europäischer und nordamerikanischer Haupt- und Großstädte. Rilkes „Karussell“, das sich selbst erklärt und keiner Interpretation bedarf, um verstanden zu werden, gehört zu den Kunstwerken, die wie seltene Einschlüsse im Bernstein Vergnügen, Gefühle, Gedanken, Farben, Rhythmen etc. bewahren, die es ein paar Jahrzehnte früher noch nicht und ein paar Jahrzehnte später schon nicht mehr gibt. Der Film war noch zu jung und zu schwarzweiß, um das festzuhalten. Der „böse rote Löwe“ und der „weiße Elefant“ sind durch Menagerien, Zirkusse und Zoologische Gärten in die Lebenswelten europäischer Großstädter eingewandert. Als exotische Karussellfiguren längst Kinderkram geworden, erschreckten sie um 1900 niemanden mehr im städtischen Milieu. Wären sie noch eine echte Sensation gewesen, hätten die zeitgenössischen Zirkusplakate sie nicht so aufwändig beschreien müssen.
Rilke wäre am 4. Dezember 150 Jahre alt geworden und sein Todestag jährt sich 2026 zum 100. Mal. Deshalb wurden eine Menge neue Biografien und Sachbücher zu Rilke und seinem Werk verfasst, fanden Lesungen, Podiumsdiskussionen und Tagungen statt. Eine davon – die der Rilke-Gesellschaft – fand im letzten September in Prag statt, wo man praktisch keinen Fuß vor den anderen setzen kann, ohne auf historische Ereignisse von Tragweite zu stoßen, über kunst- und kulturgeschichtlich Einmaliges zu stolpern und ganz besonders über tote Schriftsteller und Schriftstellerinnen von Weltrang in einer Dichte, die ihresgleichen sucht. Hier ein vorzügliches Häppchen aus der Rilke-Versammlung vom September: https://www.youtube.com/watch?v=uqwQ1WDbK5M.