Mist, schon wieder eine Missetat! Genaugenommen drei. Erstens habe ich die „Glaubensbotschaft“ des Films „Das Evangelium nach Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini „unterschlagen“ und zweitens habe ich dem Regisseur „unterstellt“, das betreffende Evangelium konsequent atheistisch als universalistische Sozialkritik zu deuten. Damit habe ich drittens die Komplexität sowohl des Films als auch die der inneren Spannungen des Filmemachers verfehlt: https://www.achgut.com/artikel/pasolinis_vangelo_selbst_die_katholische_kirche_liebt_diesen_film.
Zur Komplexität, weil das am schnellsten geht: Vom Soundtrack eines Films zu sprechen, hat sich eingebürgert, nachdem man Filmmusik auch unabhängig auf Schallplatten und CDs konsumiert. Seit Beginn des Tonfilms, also seit der Zeit um 1930 herum, gehört die Musik zum festen Bestandteil der Bedeutungsebene jedes Autorenfilms. Mir mangelnde Komplexität zu attestieren, aber selbst noch nicht einmal bemerkt zu haben, dass sich in der Tonspur des Films Pasolinis Universalisierung findet, … nun ja. Und diese Tonspur besteht eben nicht ausschließlich aus Bachs Matthäuspassion, weshalb ihre Rezeption bei Enoch zu Guttenberg zwar interessant zu erfahren ist, aber nicht das Geringste zur Klärung der Frage beiträgt, wie Pasolini das Matthäusevangelium gedeutet hat. Es wäre eine Recherche wert, ob es Furtwängler, Karajan oder Harnoncourt beim Dirigieren von Bachs Passion auch so wie Guttenberg ging und wie das dann bei Otto Klemperer gewesen ist. War dieser der Komplexität überhaupt gewachsen? Die Tatsache, dass das Matthäusevangelium seine historischen Schauplätze im judäischen Galiläa und in Jerusalem hat, neben ein paar Römern die meisten seiner Figuren Juden sind – sorry, aber zum Zeitpunkt der berichteten Geschehnisse gab es überhaupt noch keine Christen -, die Schauplätze bei Pasolini aber in Italien, u. a. Matera liegen und die meisten seiner Darsteller christlich sozialisiert bzw. Christen gewesen sein dürften, ist nicht nur Teil der Universalisierung, sondern setzt auf die „Komplexität“ noch einen drauf. Bei Marxisten hieß diese Universalisierung dann proletarischer Internationalismus.
Atheistisch bedeutet, dass weder der Regisseur noch seine Deutung von der Existenz eines Gottes ausgingen. Atheistisch bedeutet nicht, dass kein Glaube im Spiel war. Es fragt sich nur, welcher. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, dass die Leute, die im Zuge der Aufklärung aufhörten, an Gott zu glauben, gleichzeitig begannen, an alles Mögliche zu glauben. Darunter war eben auch der Kommunismus. Zu meinen, dass er weniger idealistisch als das Christentum wäre, ist Mumpitz, auch wenn Marxisten viel von historischem Materialismus plapperten. Die ganze Materialismus-versus-Idealismus-Diskussion ist ebenso platonisch-christlich wie kommunistisch, überdies eine schwere Hypothek des deutschen Idealismus, den Marx zwar glaubte überwunden zu haben, aber faktisch und im Kern bloß verlängerte. Und genau daraus resultierte auch die Erneuerung der jahrhundertelang von der Kirche erhobenen Vorwürfe gegenüber Juden, materialistisch, von Geldgier und Gewinnsucht getrieben, allein am Geschäftemachen interessiert, eben ohne Sinn fürs Höhere zu sein. Beim Marx waren sie geradezu die Verkörperung des Kapitalismus, den manche modernen Christen, christlich geprägten Sozialisten und Kommunisten bereits bei den Wechslern im Jerusalemer Tempelvorhof am Werk sahen.
Dass die katholische Kirche Pasolinis Film schätzte und schätzt, bestätigt eins zu eins den engen Zusammenhang zwischen Christentum und Kommunismus. Meines Wissens gibt es eine katholische Soziallehre, so dass die Begeisterung für Pasolinis Verfilmung des Matthäusevangeliums in der modernen katholischen Kirche und bei einigen Päpsten wirklich niemanden verwundern kann. Meine als solche ausgewiesene Spekulation über einen möglichen Dissens bezogen sich auf „Accatone“ und „Mamma Roma“. Der mitunter in Gezänk ausartende Streit zwischen Pasolini, kommunistischen Parteifunktionären, Katholiken, Kirchenfunktionären, Film- und Literaturkritikern gehören zum Geschäft und ebenfalls zur Rezeption, besagen also genauso wenig über Pasolinis filmische Deutung des Matthäusevangeliums wie die temporäre Glaubenserweckung Guttenbergs beim Dirigat von Bachs Matthäuspassion.
Dass wiederum die in Pasolinis Film dargestellten Figuren an die Existenz eines Gottes und an Wunder glaubten, betrifft die Inhaltsebene des dargestellten Stoffs, die Pasolini bei einer annähernd adäquaten Verfilmung weder ändern konnte noch wollte. Warum hätte er es auch sollen? Eine atheistische Deutung heißt nicht, dass Pasolini den dargestellten Figuren ihren Glauben an Gott und an Wunder hätte nehmen müssen. Im Gegenteil. Es gibt dergleichen Wunderglauben selbst bei einem so profanen zeitgenössischen Stoff wie „Teorema“. Das Thema des nicht immer unblutigen Zusammenstoßes von Heiligem und Profanem findet sich in „Medea“ ganz ohne Evangelium.
Die Szene mit Josef und der schwangeren Maria, bei welcher, wenn ich mich recht erinnere, Odettas „Sometimes I Feel like a Motherless Child“ zu hören ist, kann Angst vor sozialem Verlassen- und Ausgestoßenwerden annoncieren, weil Maria gehurt hat, weil sie und Josef bereits vorehelichen Verkehr hatten oder oder oder. Für Sie, lieber Georg Etscheit, ist es mit Bestimmtheit die Bestätigung der künftigen Jungfrauengeburt. So what! Es ist, mit Verlaub, das Allernormalste von der Welt, dass Menschen Kunstwerke unterschiedlich rezipieren, aber auch schon bloße Worte, Bilder, Szenen, die Evangelien, die Wirklichkeit verschieden wahrnehmen und auslegen. Das Christentum wäre überhaupt nicht entstanden, wenn das nicht so wäre. Manchmal schleichen sich dabei Verständnis- und Übersetzungsfehler ein. Die „Jungfrau“ ist so ein Fall, der im Gegensatz zu einigen anderen Fällen, die eine Blutspur legten, ein harmloser war, der sich allerdings schon bei der Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische ereignet hatte. Dass die Evangelisten aus einer „jungen Frau“ namens Mirjam, gräzisiert: Maria, eine „Jungfrau“ machten, gehört zu jenen Wundern, an die nicht zu glauben ich mir herausnehme. Jesus ist als Jude geboren, hat als Jude gelebt und gelehrt, sich an Juden gewandt und ist schließlich auch als Jude von den Römern gekreuzigt worden, wobei er vor seinem Ableben mit Psalm 22, 2 aus der hebräischen Bibel Gott anrief, der mit Sicherheit kein christlicher gewesen ist. „Christos“ ist einfach bloß die gräzisierte Form des Wortes „gesalbt“, Jesus nur die gräzisierte Form von Jeschua oder Jehoschua bzw. Joschua. Theologen streiten bis heute darüber, wann genau die Geburtsstunde des Christentums anzusetzen sei. Einig sind sie sich nur darin, dass das nicht zu Lebzeiten Jeschuas war. Als Gottessöhne bezeichnen sich im Neuen Testament auch seine Jünger. Logisch! Das gesamte Volk Israel ist Gottes Volk und sich als Kind, Sohn oder Tochter Gottes zu verstehen, war um 30 u. Z. nun wirklich keine Kunst. Die vermeintliche Taufe am Jordan war das Reinigungsbad, das gläubige Juden üblicherweise genommen haben.
Vielleicht hilft es für ein „komplexeres“ Verständnis sowohl des Matthäusevangeliums als auch der Pasolini-Verfilmung, christliche Glaubensdogmen wie die Jungfrauengeburt, die Taufe Jeschuas durch den jüdischen Bußprediger Jochanan oder die heilige Dreifaltigkeit für eine, aber nicht die einzige und wahre Bedeutung beider zu halten. Ich glaube nicht, dass der Glaube an diese Dogmen einen privilegierten Zugang zu Pasolinis Film gewährt. Auch nicht zu Bachs Matthäuspassion, um das Fass vollzumachen. Und ich weiß, dass ich Pasolini nichts „unterstellt“ habe, das er nicht selbst zu Protokoll gegeben hätte. Sind Sie sicher, dass sich die „Spannungen“ zwischen Kommunismus, Katholizismus und Homosexualität tatsächlich im Innenleben des erwachsenen Filmemachers Pasolini abspielten – vom jungen rede ich hier nicht – oder sie nicht vielleicht doch eher eine Projektion sind, wonach es sich anhört? Ich bin es nicht, denn ich hatte nie Zugang zu Pasolinis seelischer Infrastruktur. Und wenn man den bräuchte, um Kunstwerke zu verstehen, könnten die Schriftsteller, Filmemacher, Komponisten etc. einpacken.