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Globalisierter Judenhass ist im Westen der Kanarienvogel

Das opus magnum „A Lethal Obsession, Antisemitism from antiquity tot he global Jihad“ des israelischen Historikers Robert S. Wistrich enthielt die Globalisierung der Judenfeindschaft schon im Untertitel. Es erschien 2010 in New York, bietet einen historisch-faktischen Überblick über zwei Jahrtausende Judenfeindschaft und ist strikt empirisch angelegt. Wistrich gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die unmittelbar nach Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 und den islamistischen Terroranschlägen von 9/11 vor einer braun-rot-grünen Querfront des aktuellen Antisemitismus warnten. „Grün“ bezeichnet dabei den Islam. Für alle oder zumindest die meisten, die von Judenhass entweder betroffen waren oder sich tatsächlich qualifiziert mit ihm auseinandersetzten, traf Wistrichs Befund den Kern des Problems. Denn erstens ist Antisemitismus eine der zentralen Brückenerzählungen, die alle drei Totalitarismen des 20. Jahrhunderts miteinander verbindet, und zweitens kamen die Verbalattacken und Anschläge auf Juden auch in der westlichen Welt spätestens seit Ende der 1960er Jahre aus dem rechten, linken und arabischen, schließlich islamischen Milieu.
Historisch gesehen hatte die Kooperation der Sowjetunion mit arabischen Nationalisten wie Gamal Abdel Nasser, Hafiz al-Assad und vor allem Jassir Arafat als Führer der PLO die heute fast vergessene Phase einer engen Kooperation von Nazi-Deutschland, den ägyptischen Muslimbrüdern und dem Begründer der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung, Haj Amin al-Husseini, abgelöst. Da al-Husseini Islamist und arabischer Nationalist in einer Person gewesen ist – Stichwort: keine Trennung von Politik und Religion in der islamischen Welt -, nimmt es kaum Wunder, dass sowohl Arafat als auch später Mahmud Abbas sich zum Mufti als einem ihrer heroischen Pioniergestalten bekannten. Als Partner hatten sie seit Mitte der 1960er Jahre den Ostblock an ihrer Seite. Die Sowjetunion verfolgte seit 1949 einen strikt antiisraelischen Kurs und es gab in ihren Satellitenstaaten über Jahrzehnte hinweg antizionistische Kampagnen. Zu den mörderischsten gehörte der Prager Slansky-Prozess 1952, bei dem 11 jüdische Kommunisten zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden, weil ihnen zionistische Bestrebungen und die Veruntreuung von Volkseigentum zugunsten Israels angelastet worden waren, die frei erfunden gewesen sind. Das Ganze fand sieben Jahre nach dem Ende der Schoa statt, die die meisten Angeklagten nur durch Zufall in den NS-Vernichtungslagern überlebt hatten oder der sie durch Anschluss an eine Widerstandsgruppe oder durch Flucht nach Moskau entkommen waren. Legt man den NS-Vernichtungsantisemitismus nicht als benchmark für Judenfeindschaft an, kann man den Prager Prozess, der immerhin staatlich organisiert gewesen war, als Beginn jenes mörderischen Antisemitismus ansetzen, der seitdem den Namen Antizionismus trägt.
Vor 1948, dem Jahr der Gründung des jüdischen und demokratischen Staates Israel, war es möglich, Antizionist ohne jedes antisemitische Ressentiment zu sein. Danach nicht mehr, weil man ja von da an nicht einfach nur die Idee jüdischer Selbstbestimmung in Gestalt eines eigenen Staates ablehnte, sondern das existierende, staatlich verfasste jüdische Gemeinwesen selbst. Zu behaupten, die Sowjetunion und der Ostblock seien zwar antizionistisch, aber nicht antisemitisch gewesen, ist, mit Verlaub, ziemlicher Nonsens. Allein schon die Tatsache, dass die Sowjetunion die arabischen Armeen gegen Israel im Sechstage-Krieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973 mit Waffenlieferungen, sowjetischen Piloten und beträchtlichen antiisraelischen Propagandakampagnen bei ihrem Ziel unterstützte, den jüdischen Staat von der Landkarte zu fegen, spricht eine eindeutige Sprache. Als klar geworden war, dass Israel militärisch nicht zu besiegen sein würde, verlegte sich die Sowjetunion ganz auf das Feld antiisraelischer Propaganda, hievte Jassir Arafat 1974 mit einer antizionistischen Rede auf das internationale Podium der UN-Vollversammlung und organisierte die nötigen Mehrheiten für die Resolution 3379, die den Zionismus zum Rassismus und Israel zum Apartheidstaat erklärte. All das erfasste natürlich auch die Neue Linke in der westlichen Welt.
Die Kooperation der politischen Linken mit dem Islamismus brach sich dann in den späten 1970er Jahren Bahn, als Ajatollah Ruhollah Chomeini mit linker Hilfe den Schah im Iran stürzte. Voraussetzung für diese Allianz war der Niedergang des arabischen Nationalismus in Ägypten und Syrien. Chomeinis Machtantritt im Iran rief die islamischen Fundamentalisten in der arabischen Welt auf den Plan, wie die Besetzung der Großen Moschee in Mekka zeigte. Die Muslimbruderschaft in Ägypten und Syrien erstarkte. Im Libanon wurde die Hisbollah gegründet und verübte Terroranschläge, danach die Hamas, die 1987 die erste Intifada mit Selbstmord- und Bombenattentaten vom Zaun brach, die sechs Jahre andauerte. An der zweiten, die vom Jahr 2000 bis ins Jahr 2005 dauerte, nahmen dann auch die bewaffneten Arme der PLO teil. Mit den weltweit verübten Terroranschlägen von Bin Ladens al-Qaida wurde der Kampf gegen die Juden als Kampf gegen Israel und die gesamte westliche Zivilisation global ausgetragen. Auch wenn al-Qaida inzwischen Geschichte zu sein scheint, sind es der Islamische Staat und die vielen kleineren Terrorgruppen noch immer nicht.
Der Westen war im 19. und 20. Jahrhundert mit Ausnahme der fünf Jahre nazi-deutscher Besatzung ein relativ sicherer Ort für die jüdische Diaspora, obwohl es auch dort immer antijüdische Ressentiments gegeben hat und nach wie vor gibt. Trotz Dreyfus-Affäre, die 1906 nach zwölf harten Jahren mit der Rehabilitation des jüdischen Hauptmanns endete, und zumindest vergleichsweise, weil es seit den späten sechziger Jahren auch hier mörderische Terroranschläge gezielt gegen Juden gegeben hat. Mit dieser relativen Sicherheit war es seit der Jahrtausendwende vorbei. Nun griffen nicht mehr nur rechts- und linksextreme, arabisch-palästinensische und islamische Extremisten Juden an, sondern auch arabische Jugendliche und Jugendgans. In Frankreich fällt die Bilanz mit zahlreichen Morden an Juden von Ilan Halimi im Jahr 2006 bis zu Mireille Knoll im Jahr 2018 noch erschütternder aus als in anderen westeuropäischen Staaten. Der Brandanschlag eines palästinensischen und eines marokkanischen Jugendlichen auf die Düsseldorfer Synagoge im Herbst 2000 hätte ein Weckruf sein müssen, passte aber nicht ins Kalkül der offiziellen Politik, die Deutschland mit ihrem „Kampf gegen rechts“ als geläuterte Nation darzustellen bestrebt war. Es gab und gibt nach wie vor antisemitische Attacken und Anschläge von Rechtsextremisten – man denke nur an die Verbrennung eines Exemplars von Anne Franks Tagebuch bei einem Dorffest im sachsen-anhaltinischen Pretzien 2006 oder den Terroranschlag auf die Hallenser Synagoge im Oktober 2019 -, aber die verbale und physische Gewalt geht seit 26 Jahren überwiegend von linken und muslimischen Tätern aus. Der tsunamiartige Ausbruch gewalttätiger Judenfeindschaft in westlichen Haupt- und Universitätsstädten von Montreal und New York über London, Paris, Berlin und Wien bis Sydney unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 stellte all das abrupt in den Schatten.
Die antiisraelischen Aufmärsche und Angriffe auf Juden, die es auf westlichen Straßen schon seit fünfzehn Jahren gibt und die in stetig wachsender Intensität und Brutalität bis heute stattfinden, lassen sich nicht losgelöst von der westlichen Israel-Medienberichterstattung, den Lehrplänen der Universitäten und der Kunst- und Kulturszene erfassen, also jener Mitte der Gesellschaft, die sich selbst als moralisch integer, als gebildet, aufgeklärt und vernünftig, als frei von Ressentiments und Hass, als empathisch, als Verfechter von Gerechtigkeit und der Stärke des Rechts, als Platzhalter der Menschen- und Bürgerrechte ansieht, aber Juden und vor allem Zionisten wie selbstverständlich davon ausnimmt, obwohl gerade sie kulturhistorisch die Begründer von Ethik, Menschenwürde, Humanismus, Debatten- und Streitkultur gewesen sind, also einige Grundsteine für all das geschaffen haben, das die „Progressiven“ zu vertreten vorgeben. Das sind keine randständigen Extremisten, sondern das ist jene sich in der Moderne verbreiternde Bildungselite, die seit zweitausend Jahren Träger der Judenfeindschaft gewesen ist. Sie ist akademisch ausgebildet und weltläufig, spricht mehrere Sprachen, verfügt über Universitätsabschlüsse, ist viel in der Welt internationaler Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und auf Kunstfestivals unterwegs oder arbeitet in den Medien. Durch die Cultural und Postcolonial Studies glaubt diese Elite zu wissen, dass der Westen im Kern Kolonialismus und Imperialismus betrieben und dadurch große Schuld auf sich geladen hat, der Urheber von Rassismus, Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung ist, weiße Europäer und Amerikaner das Inbild des Unmenschen und die Juden unter ihnen die Allerschlimmsten sind. Dass das alles mit historischen Fakten nichts zu tun hat, wirft ein Licht auf das pseudo- bzw. unwissenschaftliche Gebaren an westlichen Universitäten, die immerhin die Schleusen der künftigen westlichen Eliten bilden.
Es wäre vor allem wichtig, erstens den vielen handfesten Lügen durch Suggestionen und Auslassungen in der Berichterstattung über den Verteidigungskrieg der israelischen Armee gegen die Hamas im Gaza-Streifen zu widersprechen, weil sie Israel und die Juden weltweit dämonisieren, delegitimieren und mit doppelten Standards messen. Es kommt dabei nicht auf die Antisemiten und Aktivisten an, die man niemals erreichen wird. Es geht vielmehr um die Menschen, die Vertrauen in öffentlich-rechtliche und renommierte Medien, internationale Institutionen wie die UNO und in Organisationen wie NGOs mit ihren hochmoralischen Agenden haben. Sie sind die Zielgruppe nüchtern dargelegter Fakten. Die obschon gefährlichen, so doch langsam langweiligen jahrzehntealten Propagandaerzählungen vom Genozid an den Palästinensern durch Israel, die seit den 1980er Jahren durch die Sowjetunion, den Ostblock und die PLO verbreitet werden, die angebliche Apartheid, die in Israel herrsche, die angeblichen ethnischen Säuberungen bis hin zur Umdeutung der „Nakba“, die ursprünglich die faktische Niederlage der arabischen Armeen im Krieg gegen Israel 1948/49 bezeichnete, aber durch Arafat in eine angeblich massenhafte Vertreibung arabischer Palästinenser umgelogen wurde etc. Zwischen dem UN-Teilungsbeschluss Ende November 1947 und dem Kriegsende 1949 verließen tatsächlich Hunderttausende arabische Palästinenser das heutige Israel. Aber erstens flohen sie vor dem von den arabischen Palästinensern angezettelten Bürgerkrieg und nach dem Überfall der arabischen Armeen im Anschluss an die Staatsgründung Israels im Mai 1948 vor den Kriegshandlungen und dies in der Mehrzahl ins heutige Westjordanland und in den Gaza-Streifen, die bis 1967 von Jordanien und Ägypten besetzt waren. Nur die allerwenigsten arabischen Palästinenser wurden damals tatsächlich vertrieben. Die meisten verließen ihre Ortschaften und Dörfer in der Annahme zurückkehren zu können, sobald Israel von den arabischen Armeen besiegt worden wäre. Daraus wurde dann nichts. Dass all die völlig verzerrten, teilweise erfundenen, teilweise umgedeuteten „Narrative“ – korrekter wäre es, von Propagandalügen zu sprechen – sich bis heute gehalten haben, hat drei Gründe: Sie satteln auf zweitausend Jahre Judenfeindschaft auf, sie wurden von Meistern der Propaganda wie der Sowjetunion in die Welt gesetzt und sie wurden durch vertrauenswürdige Institutionen, Organisationen und Medien verbreitet und gelten heute an westlichen Universitäten als Wissenschaft. Etwas dagegen zu unternehmen kann zweitens nur gelingen, wenn sich westliche Politiker, Journalisten und Wissenschaftler endlich einmal deshalb beleidigt fühlen, weil die „bunte“ Anti-Israel-Szene, Presseagenturen, NGOs und UNO es wagen, ihnen seit wenigstens 25 Jahren solchen Propaganda-Unsinn über Israel aufzutischen. Warum westliche Gerichte die Anti-Israel-Aufmärsche allein schon wegen vieler ihrer Parolen wie „Free Palestine“, „From the river .. “ oder „Globalize the Intifada“, die unzweideutige Mordaufrufe gegen Juden und Israelis sind, nicht verboten haben, ist unbegreiflich, weil nirgendwo im Westen Aufrufe zu Mord und Gewalt unter Meinungsfreiheit fallen. Drittens – und damit zusammenhängend – scheint man im Westen nicht begreifen zu wollen, dass der Judenhass der letzten drei Jahre nur ein erster Auftakt zum Angriff auf die gesamte westliche Zivilisation ist. Die „Progressiven“ und ihre Allianz mit den Islamisten gefährdet den Westen in seinem Bestand.