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Erzählt Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ jüdische Geschichte? Nicht doch!

Thomas Manns Romane „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, „Doktor Faustus“ und ein paar seiner bedeutendsten Erzählungen werden bis heute gelesen. Für die Romantrilogie „Joseph und seine Brüder“ trifft das nicht zu. In sie stecken meist nur Geisteswissenschaftler ihre Nasen, vor allem Germanisten und Ägyptologen, die sich wie Kinder freuen, wenn die gemeinorientalischen Göttervorstellungen – Osiris, Isis, Seth, Tammuz, Istar, Dumuzi etc.pp -, mythische und echte Herrscherfiguren wie Gilgamesch und Nimrod, Legenden und Ereignisse bei Thomas Mann in etwa dem entsprechen, was die europäische Orientalistik von der Archäologie bis zur Philologie seit dem 19. Jahrhundert herausgefunden hat. Na sagen Sie bloß! Es sind die leichtesten und wissenschaftlich am unergiebigsten Übungen, auf die überforderte und unterbeschäftigte Literatur- und Kulturwissenschaftler verfallen können, weil es zwar eine gigantische Fleißarbeit ist, aber trotzdem nicht klärt, warum, weshalb und wozu das Ganze in Romanform dargereicht wurde.
Ein bisschen erinnert so etwas an die Berliner Kommunisten, die, darüber verstimmt, dass Franz Biberkopf sich so gar nicht ins Idealbild des Genossen Arbeiter fügte, einst alle topographischen Angaben in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ auf Herz und Nieren prüften, um verblüfft festzustellen, dass die Straßenbahnlinie mit der Nummer Sowieso tatsächlich dort fuhr, wo es der Autor im Roman angegeben hatte. Na wenigstens stimmte das! Schon ein mittelmäßig begabter, aber aufmerksamer Leser der „Joseph“-Trilogie merkt angesichts von Azteken, Platons Atlantis, seitenlangen Ausführungen über das Verhältnis von Körper, Seele und Geist, den einen und einzigen Gott, der doch zugleich so viele sind, den wortwörtlich als Kulissen und Bühnen bezeichneten Landschaften, dass es noch nicht einmal um die bloß etwas ausgeschmückte und dramatisierte Nacherzählung der Genesis-Kapitel in der Lutherbibel ging, sondern um ihr Auftreten in der Kunst, nachdem die Aufklärung sie befreit hatte. Seitdem ist die hebräische Bibel eben immer auch kulturgeschichtlicher Rohstoff. Wer würde Verdis „Nabucco“ oder „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saens als eine für Nichtjuden aufbereitete jüdische Geschichte ansehen, gar „By the Rivers of Babylon“ von The Melodians, das in der Cover-Version von Boney M. ungleich berühmter geworden ist? Der Riesenklau – denn das war es – hatte sich im 2. Jahrhundert ereignet, als sich die frühe Kirche der Texte des ins Griechische übersetzten Tanachs bemächtigte und das Ganze, um ein paar Geschichten erweitert, der nichtjüdischen Welt zur Verfügung stellte. Davon zehrten tausend Jahre später die Erbauer der europäischen Kathedralen und danach die Maler und Bildhauer der italienischen Renaissance.
Aber es geht doch in Thomas Manns Trilogie im ersten Band um Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob, Lea und Rahel, den Erzvätern und -müttern des jüdischen Volks, deren Grabstätten in der Höhle Machpela seit dem Sechstagekrieg 1967 nach siebenhundertjähriger islamischer Besetzung dank der israelischen Armee endlich wieder für Juden und Christen zugänglich sind. Dass der Siebentagekrieg der Israelis ein Segen für die Kulturgeschichte gewesen ist, beweisen neben der freigelegten Westmauer am Tempelberg übrigens auch die in den späten 1940er Jahren in Qumran gefundenen, später fachmännisch erschlossenen Schriftrollen. Kein Wunder, dass Edward Said 1978 in „Orientalismus“ gegen westliche Wissenschaftler, Geographen, Archäologen, Numismatiker, Epigraphiker, Philologen etc.pp im Quadrat zu springen begann, belegten sie doch auf Schritt und Tritt, dass das Land zwischen Jordan und Mittelmeer seit grauer Vorzeit israelitisch-jüdisch bewohnt und kultiviert worden war und die arabisch-islamische Eroberung, man könnte auch sagen: Kolonisierung, den Landstrich veröden und sich rückentwickeln ließ.
Zurück zu Thomas Mann. Ja, die jüdischen Erzväter und -mütter kommen im ersten Band der Trilogie vor. Im Grunde erzählt Manns Joseph-Geschichte eine den „Buddenbrooks“ diametral entgegengesetzte Familiengeschichte, stülpt die der hanseatischen Kaufmannsdynastie gleichsam um: Was bei dieser Abstieg und Verfall ist, das ist bei jener Aufstieg und Erfolg. Doch auch Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob, Lea und Rahel, die „Mami“ (Zitat!), sind bei Thomas Mann nur Familienkulisse, manchmal per Analogieschluss unfreundlich ineinandergeschoben, um Platz für den Auftritt des alle und alles überstrahlenden Josephs zu schaffen, der dann allerdings sogleich als Dumuzi, Tammuz, Osiris, in unübertrefflicher Anspielung sogar als Halbgott Jesus, in jedem Fall als durch und durch mythische Gestalt figuriert, womit der Beritt sowohl der hebräischen als auch der christlichen Bibel verlassen ist.
Es hätte Golo Manns Urteil zum Werk seines Vaters Thomas Mann, namentlich zu den „Joseph“-Romanen, überhaupt nicht bedurft, um zu wissen, dass diese Dickleiber weder jüdische Geschichte erzählen noch die vorderasiatische Kulturgeschichte des Altertums, sei es Babyloniens, sei es Ägyptens. Golo Manns vernichtende Kritik ist durch Marcel Reich-Ranicki überliefert und besagt, dass es selbst in den „Joseph“-Romanen nur um eines ging: die literarische Selbstinszenierung ihres Autors.
Das klingt maliziös. Doch wer die „Joseph“-Bände gelesen hat, kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass etwas dran ist an dieser harschen Bilanz, die schon ein bisschen mehr zu sein scheint, als der späte Groll eines ungeliebten Kindes. Thomas Manns Joseph-Figur gelingt, was immer sie beginnt. Joseph bewältigt jede sich auftuende Schwierigkeit spielend mit seiner raschen Auffassungsgabe, seinem klugen Kalkulieren, richtigem Deuten und Traumauslegen bis hin zum ertrag- und erfolgreichen Wirtschaften, kann praktisch alles, sogar Brotbacken, und meistert jede noch so große Herausforderung, ist von überaus ansehnlicher und gefälliger Gestalt, wird von beinah jedem und jeder begehrt, verehrt, bewundert und geliebt, erleidet nur durch Bösartigkeit, Missgunst und Intrigen anderer, seien es die Brüder, sei es Potiphars Weib, zeitweise schweres Missgeschick, wird kurz aus der Bahn geworfen, um sogleich durch glückhafte Begegnungen und sein Talent aufs Neue der Misere zu entkommen, in die er nicht ernsthaft selbstverschuldet hineingeraten ist. Die narzisstische Verlockung, sich als Künstler in einem so begnadeten Tausendsassa zu spiegeln, ist gewiss nicht gering. Doch Thomas Mann war viel zu klug, ihr unumwunden und ungebrochen zu erliegen. Es gibt vor allem beim jungen Joseph immer wieder Ermahnungen und Tadel für Eitelkeit, Selbstverliebtheit und Gefallsucht durch den Erzähler in der für Thomas Mann so typischen betulich-altväterlichen Manier. Und natürlich endlose Beispiele für dessen unnachahmliche Art der Ironie, die manchmal darin besteht, rundheraus in Abrede zu stellen, etwas zu tun, das er vor den Augen aller Leser gerade vollzieht, das farbige ausmalen von Geschichten mit extrabreitem Pinsel beispielsweise, aber auch das gelegentliche Sinnieren darüber, dass sich die Geschichten so, aber auch ganz anders zugetragen haben könnten, dass diese Quelle jenes, aber jene Quelle dieses sagt – als ob es für die Geschichten von Abraham bis Moses historisch-faktische Belege außerhalb der hebräischen Bibel gäbe -, es aber in Wahrheit so oder so oder ebenso gut noch ganz anders war. David, Israel, die beiden Königreiche, der jüdische Tempel und das hohe vorchristliche Alter der hebräischen Bibel sind sowohl durch außerbiblische Artefakte als auch durch die hebräischsprachigen Schriftrollen vom Toten Meer historisch bewiesen. Ob in der Höhle von Machpela tatsächlich die sterblichen Überreste Abrahams et al ruhen, wird sich dagegen nie beweisen lassen. Ob nun Goethes Bemerkung, die Joseph-Geschichte eigne sich zur Ausgestaltung in einem Roman, oder eine Palästina-Reise des Ehepaars Mann die Trilogie inspiriert hat, ist unwesentlich. Die drei Bände sind von vorne bis hinten ein ästhetisches Jonglieren, ein geistreiches Vexier- und Rollenspiel mit kulturhistorischen Quellen, Figuren und Wahrheitsansprüchen, die weder die hebräische und die christliche Bibel noch die vorderasiatische Altertumsforschung und vor allem niemandes Geschichte erzählen.