Stalin hat Hitler das Genick gebrochen. Stalin hat die Sowjetunion industrialisiert. Unter Stalin wurde sie zur Supermacht. Auch wenn die Stalin-Ära zugleich eine Phase der Verirrung, des Personenkults und schrecklicher Verbrechen gewesen sein mochte, so war doch vieles notwendig von dem, was Stalin tat. Insgesamt befand sich die Sowjetunion auf dem richtigen Weg. Sie hat eine an und für sich hehre Idee nur falsch umgesetzt. Links ist dort, wo das Herz ist. Links ist gut. Aus dem Osten kommt das Licht. Stalin war eigentlich kein richtiger Linker, sondern ein Verbrecher. Hannah Ahrendt hatte in ihrer Totalitarismus-Studie den Stalinismus abgeräumt, aber nicht den Kommunismus als solchen und erst recht nicht die Linke. Mochte Stalin ein böser Mensch gewesen sein, so war er doch immerhin noch ein besserer Böser als Hitler. So redeten Linke im Westen auch noch lange nach dem Kollaps des Ostblocks und der Sowjetunion. Doch bis auf die Tatsache, dass Stalin zeit seines Lebens der kriminelle Bankräuber, Schutzgelderpresser, Menschenverächter und Bordellbetreiber seiner Jugend geblieben war, der alle Welt zwang, nach seiner Pfeife zu tanzen und als Massenmörder bei seinem Ableben um die 15 bis 20 Millionen Tote zu verantworten hatte, stimmt an all dem so gut wie nichts.
Die Rote Armee besiegte mithilfe Großbritanniens und der USA Hitlerdeutschland trotz und nicht wegen Stalin. Dessen Rückzugs- und Evakuierungsverbote samt der Menschenwellen, in deren Blut die Rotarmisten die nazi-deutschen Invasoren buchstäblich ertränkten, trieben die sowjetischen Opferzahlen dramatisch in die Höhe. Erst als Stalin die Entscheidungen den Militärs überließ, war die Rote Armee trotz des Verlusts ihrer im Großen Terror der 1930er Jahre ermordeten Generäle und Offiziere erfolgreich. Stalin beendete in den zwanziger Jahren die Neue ökonomische Politik, die marktwirtschaftliche Elemente in die Planwirtschaft einflocht, schüchterte mit Schauprozessen wie dem Schacht-Prozess 1928 oder dem Industrieparteiprozess 1930, bei denen Ingenieure, Techniker und Wirtschaftsfachleute der Sabotage- und Agententätigkeit für das kapitalistische Ausland bezichtigt, hingerichtet oder in den Gulag verschleppt wurden, die technische und ökonomische Intelligenz ein, womit entsprechender Sachverstand künftig nicht mehr freigesetzt, sondern gefesselt wurde. Das für Stalin typische Vorgehen, für systemimmanente Probleme und eigene Fehlentscheidungen andere abzustrafen, statt offene Fehlersuche zu betreiben, Scheinvorwürfe zu erheben und die eigene Macht durch mörderische Repression zu festigen, wurde damals in Gang gesetzt. Propagandistisch ausgeschlachtete Großprojekte wie der wegen seiner mangelnden Breite und Tiefe wirtschaftlich und militärisch nutzlose Weißmeer-Ostsee-Kanal, bei dem Zehntausende Lagerhäftlinge sinnlos ihr Leben verloren, steht stellvertretend für die Art der Industrialisierung, die Stalin vorantrieb. Es wurden in der Stalin-Ära zahllose neue Fabriken, Wasserkraftwerke und Staudämme errichtet, Bodenschätze erschlossen und die Atombombe gebaut. Aber erstens konnten Qualität und Rentabilität der Produkte und Unternehmen die der freien Marktwirtschaft im Westen nie auch nur im Ansatz erreichen, weshalb die Sowjetunion nicht wirklich wettbewerbsfähig wurde. Zweitens verbesserte Stalin nicht flächendeckend die Lebensbedingungen der sowjetischen Bevölkerungsmehrheit, denn darauf kam es außer in der Propaganda überhaupt nicht an. Stalins Kollektivierung der Landwirtschaft und die damit verbundene „Entkulakisierung“ produzierte sieben Millionen Hungertote, darunter den Holodomor in der Ukraine. Die Jahre des Großen Terrors von 1936 bis 1938 mit den Schauprozessen gegen die Alt-Bolschewiken, den Massenerschießungen – das Morden nach Quoten – und Masseneinlieferungen in den Gulag waren die Spitzen von Gewaltexzessen, die als roter Terror bereits unter Lenin begannen und die bis zu Stalins Tod andauern sollten. Nicht zu vergessen sind Stalins Massenmorde an der polnischen Intelligenz und Militärführung 1940 – um die 25.000 Morde -, die Massendeportationen von Ukrainern, Inguschen, Wolgadeutschen, Tschetschenen etc. Es ist laut dem Historiker Jörg Baberowski das Verdienst von Nikita Chrutschtschow, der selbst an der Mordorgie der dreißiger Jahre beteiligt gewesen ist und später darunter litt, den roten Terror in der Sowjetunion ein für alle Mal beendet zu haben. Doch Chruschtschow, von dem Baberowski sagt, dass er als sowjetischer Staatsführer der letzte wirklich gläubige Kommunist gewesen ist, hat zwar den Terror beendet, nicht aber das politische und wirtschaftliche System. Hätte dieses System funktioniert, wären die Sowjetunion und der gesamte Ostblock Ende der 1980er Jahre nicht implodiert, sondern hätte den Westen in den 35 Jahren nach Stalins Tod wirtschaftlich mindestens ein-, wenn schon nicht überholt. Der Staatssozialismus blieb die Miss- und Mangelwirtschaft, die er von Anbeginn an war und das wäre anders gewesen, wenn es nur an Stalin gelegen hätte, der allein schätzungsweise um die 15 bis 20 Millionen Tote produzierte. Kommunismus und Staatssozialismus sind also nicht an Stalin gescheitert, sondern vor, mit und nach ihm. Lenin und die Bolschewiki waren erstens eine sehr kleine Minderheit unter den Linken in Russland und an der Februarrevolution 1917, die den Zaren stürzte und das Werk von Bürgerlichen, Liberalen und Sozialdemokraten gewesen ist, überhaupt nicht beteiligt. Eingeschleust vom deutschen Kaiserreich, sollte Lenin für Chaos und Aufruhr sorgen und den Krieg an der Ostfront beenden, damit das deutsche Militär sich auf die Front im Westen konzentrieren, Franzosen, Briten und zuletzt die USA besiegen könnte. Der Ausgang ist bekannt: Lenin putschte im Oktober 1917 die provisorische Regierung des nachzaristischen Russlands weg, schaffte die erst Monate zuvor eingeführte Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit wieder ab, gründete eine Geheimpolizei namens Tscheka, begann mit dem roten Terror und richtete die ersten, genau mit diesem Terminus bezeichneten Konzentrationslager für „Volksfeinde“ ein, die Stalin später weiter ausbaute. 1918 begann der vierjährige Bürgerkrieg zwischen roten und weißen Garden, die Judenpogrome verübten, die mordend, plündernd und brandschatzend durchs Land zogen und die Zivilbevölkerung terrorisierten. Der Friede von Brest-Litowsk vom März 1918 beendete den Krieg mit Deutschland, das trotzdem im November von den Westalliierten besiegt wurde, als Kaiserreich unterging und fortan eine Republik war. Den deutschen Lenin-Coup könnte man mit dem biblischen Verweis kommentieren: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Nicht vergessen werden darf, dass von Lenins Oktoberputsch 1917 bis zum Kollaps von Sowjetunion und Ostblock 70 Jahre vergingen und Nazi-Deutschland zur Stabilisierung von Stalins Herrschaft selbst noch post mortem erheblich beigetragen hat.
Großbritannien, Frankreich, die Vereinigten Staaten und selbst Deutschland waren vor und nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Industriestaaten mit einer starken Arbeiterklasse und – sieht man von den USA ab – starken sozialistischen Parteien. Dort hätte, wäre die marxistische Theorie richtig gewesen, eine sozialistische Revolution stattfinden müssen, die dann eine Diktatur des Proletariats etabliert hätte. Das geschah dort aber nirgends. Der Marxismus-Leninismus und das sowjetische Modell des Oktoberputschs von 1917 einschließlich Terror, Abschaffung aller bürgerlichen Freiheitsrechte und Einschüchterung der Bevölkerung fanden nur dort Nachahmer, wo es kein organisiertes Industrieproletariat gab und bäurisch-agrarische Bedingungen vorherrschten. China ist so ein Fall. Maos „Großer Sprung nach vorn“ ab Ende der 1950er Jahre produzierte um die 40 Millionen Hungertote, seine Kulturrevolution ab Mitte der 1960er Jahre weitere Millionen Todes- und Mordopfer. Pol Pot und seine Roten Khmer in Kambodscha forderten in den 1970er Jahren um die eineinhalb Millionen Todes- und Mordopfer.
Starke kommunistische Parteien bildeten sich mit Ausnahme von Deutschland im Westen fast nur in katholisch geprägten Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien. Die Ausbreitung des Staatssozialismus unter sowjetischem Diktat in Ost- und Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Folge von Hitlers zurückgeschlagenen Angriffskriegen im Osten und die in Teilen Asiens und der Dritten Welt eine des Kalten Kriegs, wobei Jörg Baberowski zufolge das sowjetische Modell, nicht der Marxismus im Vordergrund standen und es sich im Kern um nationale Befreiungskämpfe und -kriege gehandelt hatte.
Ein spezieller Fall ist der arabische Nationalismus und Sozialismus, den die Sowjetunion seit den 1950er Jahren bis zum Schluss, zunächst in Ägypten, Syrien und dem Irak, vor allem aber in Gestalt von Jassir Arafats PLO unterstützte. Stalin hatte die Gründung eines jüdischen Staats bei der UN-Abstimmung 1947 und nach der Unabhängigkeitserklärung 1948 unterstützt. Die Sowjetunion war einer der ersten Staaten, die Israel anerkannten. Ende 1949 drehte sich das Blatt abrupt, nachdem klargeworden war, dass der jüdische Staat eine westliche Demokratie sein würde. Die Entstehung des israelbezogenen Antisemitismus geht auf Stalin bzw. die Sowjetunion und die Staaten der Arabischen Liga zurück und wurde auf ihr jahrzehntelanges Betreiben hin in der UNO und ihren Institutionen verankert. Wäre es Stalin lediglich um die Loyalität der sowjetischen Juden gegangen, hätte es im Ostblock keinen Slánsky-Prozess und keine antizionistischen Kampagnen gegeben. Die Tatsache, dass der immer mörderischer werdende Antizionismus nach Stalins Tod 1953 nicht aufhörte, sondern seine Fortsetzung in der propagandistischen, logistischen und militärischen Unterstützung der arabischen Palästinenser und der arabischen Anrainerstaaten Israels fand, belegt seinen antisemitischen Charakter. Im Westen übernahm es hauptsächlich die Neue Linke, den Israelhass gesellschaftlich zu etablieren, auch wenn Rechtsextremisten und rechtsextreme Parteien wie die NPD, die „Rechte“ etc., die freilich nie eine nur annähernd so breite Wirkung und Stärke erzielte, ebenfalls immer israelfeindlich war. Die sämtliche historischen Fakten fälschende postkoloniale Theorie, die den Imperialismus, den Kolonialismus, die Sklaverei, den Rassismus, Ausbeutung und Unterdrückung Europa und der westlichen Welt anlastet und zuschiebt, ist wesentlich von sowjetischer Propaganda inspiriert. 1979 gesellten sich die Muslimbruderschaft und der Iran dazu. Ähnlich wie seinerzeit Lenin weltweit sozialistische Revolutionen erwartete, träumten Ajatollah Chomeini, sein Nachfolger und die Mullahs vom Revolutionsimport in die gesamte islamische Welt, wovon zahllose islamistische Milizen im Nahen Osten und in Afrika, allen voran Hisbollah, Huthi, Hamas und der Massenmord im Süden Israels am 7. Oktober 2023 Zeugnis ablegen.
Putin ist nicht Stalin, blieb wie dieser allerdings ebenfalls immer der machtgierige Hinterhofschläger, der er in seiner Jugend war, organisiert und kontrolliert kriminelle Netzwerke, setzt den staatlichen Geheimdienst und den Justizapparat zur Absicherung seiner persönlichen Macht ein. Putin nutzt in abgemilderter Form Lenins und Stalins Herrschaftstechniken der Enteignung, gezielter Morde, der gesellschaftlichen Einschüchterung und Propaganda. Es begann mit der Strafverfolgung und Enteignung von Michail Chodorkowski 2003, setzte sich über politische Morde im In- und Ausland ab 2006 u. a. zuerst an Anna Politkowskaja in Moskau oder Alexander Litwinenko in London, zuletzt an Alexej Nawalny fort, und gipfelte in der Besetzung der Krim 2014 und dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine 2022 unter dem anfänglichen Vorwand, sie „entnazifizieren“ zu wollen. Die Sowjetunion ist seit 35 Jahren Geschichte und auch wenn Putin das bedauert, wird es ihm nicht gelingen, sie wiederherzustellen. Es fragt sich nur, wieviele ukrainische Todesopfer sein Angriffskrieg noch kosten wird und ob seine nächsten Ziele im Baltikum, in Polen und Mitteleuropa liegen werden, um weltweit sichtbar demonstrieren zu können, dass die Nato nicht funktioniert und der Westen militärisch zu schwach zur Selbstverteidigung ist. Den Westen von außen wirtschaftlich zu erledigen, wird die Aufgabe Chinas sein.
Die Massenzuwanderung aus islamischen Staaten vor allem im vergangenen Jahrzehnt zerstört die innere Stabilität westeuropäischer Länder, die postkoloniale Theorie die Hochschulbildung, die Identitätspolitik das politisch-juristische System des Westens, der politische Islam das gesellschaftliche Leben und die grüne Klima- und Energiepolitik die Wirtschaft und den gesamten freien Markt in Europa. Klarer und freundlicher als es der amerikanische Außenminister Marco Rubio in seiner Rede auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz formulierte, hätte man nicht sagen können, dass sich der europäische Kontinent selbst entleibt, wenn links-grüne wokeness, islamische Massenzuwanderung und Klimapolitik nicht beendet und anschließend korrigiert werden.