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Django, Grappelli und wie die Welt zu Bach kam

Als Teenie hörte ich irgendwann Mitte der achtziger Jahre nachts im Radio eine Bach-Improvisation von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli: https://www.youtube.com/watch?v=_TRjTeQ-sIM. Gern würde ich behaupten, dass ich Bach in diesem kurzen Stück unbändiger Lebenslust zum ersten Mal begegnete. Wenn ich aus Weimar, Arnstadt oder Köthen käme, wo Bach bereits viele seiner berühmten Werke komponiert hatte – das Wohltemperierte Klavier, die Brandenburgischen Konzerte, die unvergleichliche Chaconne – könnte ich diesen Bären vielleicht irgendwem aufbinden, aber mit Leipzig als Geburtsstadt glaubt mir das kein Mensch. Klar kannte ich Bach, bevor ich Reinhardt und Grappelli zum ersten Mal hörte. Doch mit den beiden begann meine Liebe zu Bach. Sein Doppelkonzert für zwei Violinen d-Moll BWV 1043 lernte ich durch den Gitarristen und den Geiger überhaupt erst kennen. Wer weiß, wieviel Lebenszeit ich andernfalls ohne den samtweichen Klang von Itzhak Perlmans Violinspiel noch verschwendet hätte (https://www.youtube.com/watch?v=GJRkpSFy4SI)!

Nicht nur, aber auch deshalb hielt ich noch nie viel von einer rigiden Trennung zwischen Höhenkamm- und Populärkultur, die eine dumme deutsche Marotte ist, auch wenn es natürlich Unterschiede gibt. Zum einen, weil dieser Rigorismus meist nicht weit trägt und schon im 19. Jahrhundert selbst zusammenbrach, in dem er überhaupt erst erfunden worden war. Zum anderen, weil sich Hoch- und Populärkultur immer gegenseitig beeinflusst haben und die eine in der anderen zum Thema wurde. Dafür liefern die italienischen, französischen und englischen Theater- und Opernbühnen mit ihren Harlekinaden seit dem 18. Jahrhundert die besten Beispiele, aber auch die Wiener Volkstheatertradition, die Kasperl- und Zauberoper und ganz besonders Mozarts „Zauberflöte“. Gustav Mahler zählt unzweifelhaft zur Hochkultur, verwendete aber in seinen Sinfonien für die damalige Zeit ungewöhnliche Instrumente wie Mandolinen oder Gitarren. Seine Lieder rekapitulieren u. a. die Kinder- und Müttersterblichkeit, die im 19. Jahrhundert noch an der Tagesordnung war, setzten sich also mit Fragen des täglichen Lebens auseinander, vor denen Familien jahrtausendelang gestanden hatten – man denke nur an die biblische Rahel.

Bach verlor viele seiner Kinder und auch seine erste Frau. Dass er von anderen Komponisten wie Händel, Vivaldi oder Corelli lernte, ist das eine und für seine Kompositionstechniken entscheidend. Dass man beim Hören des Schlusschors der Matthäuspassion „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ heute nicht nur und auch nicht unbedingt an Jesus denken muss – von tiefgläubigen Christen vielleicht einmal abgesehen -, ist das andere. (Um ehrlich zu sein, denke ich beim Hören des Schlusschors dieser Tage an die von den Mullah-Schergen am 8. und 9. Januar abgeschlachteten iranischen Demonstranten, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer.) Das hat damit zu tun, dass man als Komponist im Barockzeitalter trotz Affektenlehre und standardisiertem Gefühlsprogramm sehr genau wissen musste, welche Töne anzuschlagen sind, um jenen Gänsehauteffekt zu erzeugen, der manche Hörer noch heute erfasst. Die Erschütterung, das Untröstliche, der seelische Schmerz, das Weinen, schließlich das Wehklagen des Chors, der die Trauer erst kollektiviert und zusätzlich dramatisiert, brachte Bach in seiner ganzen Formstrenge ziemlich plastisch zu Gehör. (Am eindringlichsten gibt das die Einspielung von Wilhelm Furtwängler aus dem Jahr 1953 wieder. Hier eine Einspielung von Otto Klemperer https://www.youtube.com/watch?v=Jn6hKinnZKM und eine von Herbert von Karajan https://www.youtube.com/watch?v=yA8g0IP4r5w.) Anzunehmen ist, dass Bach seine Vorstellung davon, wie sich Trauer und Schmerz anhören, auch aus seiner Lebenswelt bezog. Damals war das freilich geistliche Musik für den christlichen Gottesdienst. Erst Felix Mendelssohn-Bartholdy eröffnete ihr den Weg in den weltlichen Konzertsaal. Es war Mendelssohn, der die Bach-Renaissance des 19. Jahrhunderts ins Leben rief. Ein Komponist und Musiker eben! Und die glauben, heißt es, vielleicht nicht alle an Gott, aber allesamt an Bach. Jedenfalls ist ihnen, darunter Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, zu verdanken, dass heute die ganze Welt Bachs Werke kennt.