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Waren die Nationalsozialisten eine deutsche Anomalie?

Ja und nein. Ja, weil die Nationalsozialisten nicht einfach den extremsten Rand unter den rechten Parteien der Weimarer Republik bildeten, sondern gewissermaßen aus dem Rahmen fielen. Nein, weil sie an bestimmte Traditionslinien innerhalb der modernen deutschen Kultur anknüpften, die sich um 1800 herausgebildet hatten. Man denke an Nationalromantiker und „Germanomanen“ wie Clemens Brentano, Achim von Arnim, Friedrich Ludwig Jahn oder Ernst Moritz Arndt, an Karl Marx oder Richard Wagner. Das Umfeld um die Wagner-Witwe Cosima, ihren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain und nach beider sowie dem Tod des Wagner-Sohns Siegfried dessen Frau und Festspielleiterin Winifred Wagner, die ab 1923 und dann zeitlebens Adolf Hitler verbunden blieb, bildeten zusammen mit der personell überschaubaren völkischen Bewegung das kulturelle Unterfutter des Nationalsozialismus. Zur völkischen Bewegung zählten neben Chamberlain, von dem Hitler die Idee des Rassekampfs auf Leben und Tod als Motor der Geschichte übernahm, der deutschtümelnde Theologe und Orientalist Paul de Lagarde sowie Julius Langbehn, der Verfasser des später rasch vergessenen Kaiserzeit-Bestsellers „Rembrandt als Erzieher“, in dem er die Figur des genialen Künstlerpolitikers bzw. Politikerkünstlers entworfen hatte, als die sich Adolf Hitler verstand. Nur wurden eben nicht die Genannten, die nur ein recht schmales Rinnsal deutscher Kultur ausmachten, sondern für fast 150 Jahre lang die Stein-Hardenbergschen Reformen mit der Judenemanzipation, die beiden Reichsverfassungen von Bismarck und Weimar politisch-juristisch wirksam. Zumindest bis zum Jahr 1933.
Wieso waren die Nazis eine Anomalie? Als die NSDAP 1920 gegründet wurde, gehörte sie wie die im Jahr zuvor entstandene KPD zu den genuinen Parteineugründungen der Weimarer Republik. Doch anders als die KPD, die eine Abspaltung von der SPD/USPD darstellte, hatte die NSDAP weder Vorläufer noch eine Mutterpartei im wilhelminischen Kaiserreich. Zwar hatte es dort Antisemiten-Parteien gegeben, aber die waren politisch nicht erfolgreich und nach 1900, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geschichte. Die deutschvölkischen Vereine und Verbände Germanenorden, Thule-Gesellschaft oder Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund, die das Hakenkreuz, die „Sieg Heil“-Parole und ein paar Mitglieder zur späteren NSDAP beisteuerten, waren keine Massenbewegungen und verfügten ebenfalls nicht über langjährige Traditionen. Ohne den Ersten Weltkrieg und die deutsche Kriegsniederlage hätte es sie vermutlich gar nicht gegeben. Viele Mitglieder der frühen NSDAP waren sehr junge Männer. Einige von ihnen wie Rudolf Hess oder Hermann Göring waren im Kriegseinsatz, andere wie Heinrich Himmler bedauerten, dafür zu jung gewesen zu sein. Sie alle waren felsenfest davon überzeugt, dass das deutsche Heer 1918 im „Felde unbesiegt“ gewesen wäre und nur auf Betreiben von Sozialdemokraten und Juden zu kämpfen aufgehört hatte – Stichworte Dolchstoßlegende und „Novemberverbrecher“. Sie arrangierten sich nie mit der Realität der Kriegsniederlage, woraus verfestigte Rachegefühle und ein ungestilltes Revanchebedürfnis resultierten. Dadurch potenzierte und radikalisierte sich der Wirklichkeitsverlust in seiner hochexplosiven Mischung aus Judenhass, Feindschaft gegenüber Republik, Demokratie, bürgerlich-liberaler Rechts- und kapitalistischer Wirtschaftsordnung um ein Vielfaches.
Mit ihrem 25-Punkte-Programm lässt sich die NSDAP auf der Skala von ganz links bis ganz rechts überhaupt nicht eindeutig zuordnen: Die Nationalsozialisten strebten eine klassenlose Gesellschaft auf Basis einer rassisch definierten deutschen Blutsgemeinschaft an, wollten von Anfang an Juden ausbürgern und vertreiben, Arbeiter und Angestellte an den Gewinnen von Großbetrieben beteiligen, die „Zinsknechtschaft“ abschaffen, das heißt: das Kredit- und Bankenwesen, partiell und bereichsweise Boden und Handelsunternehmen vergesellschaften, verstaatlichen und entschädigungslos enteignen, die Gesundheits- und Altersversorgung in staatliche Hände legen, den Sport fördern, das Individuum zugunsten eines rigiden Kollektivismus nach dem Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ entrechten etc.pp Gegen den Versailler Vertrag, dessen Bruch einleitend in Aussicht gestellt wurde, war man in allen Weimarer Parteien. Und der Antisemitismus war in Deutschland gleichfalls ein milieuübergreifender Volkssport. Allerdings nicht jener fanatische Vertreibungs- und Vernichtungsantisemitismus, wie ihn die Nationalsozialisten pflegten. Die meisten ungleich milder gestimmten Antisemiten in Deutschland wollten Juden benachteiligen, ausgrenzen und ihnen schlimmstenfalls ‚einen Dämpfer verpassen‘, aber sie weder vertreiben noch ermorden. Das NS-Parteiprogramm blieb bis 1945 in Kraft, auch wenn die Nazis ihr politisches Handeln je nach meist selbstgeschaffener Sachlage anpassten und modifizierten, teils wie in der NS-Judenpolitik bis hin zur ausnahmslosen Ermordung in ganz Europa radikalisierten, teils wie im Umgang mit der Großindustrie abmilderten. Es gab marxistische Elemente wie Klassenlosigkeit, Abschaffung des Finanzkapitals, Vergesellschaftung und Enteignungen, aber auch großdeutsche Expansions- und Kolonialpläne.
Für die Nationalsozialisten waren die Kommunisten die wegen der Nähe in inhaltlich zentralen Programmpunkten am erbittertsten bekämpften Konkurrenten, aber eben nicht ihre politisch diametral entgegengesetzten Kontrahenten. Die Kommunisten strebten ein Sowjetdeutschland an, bekämpften wie die Nazis die kapitalistische Wirtschaftsordnung, westliche Demokratie und Parlamentarismus. Für Kommunisten waren die Sozialdemokraten von Beginn an als „Verräter“ an der Sache der Arbeiterbewegung und später als „Sozialfaschisten“ die Hauptfeinde und gerade keine Partner im „antifaschistischen Kampf“. Denn vor ihrem Erdrutschsieg bei den Septemberwahlen 1930 hatten die Nazis keine nennenswerte Rolle gespielt. Als extreme Rechtsaußenpartei lassen sich die für das bürgerliche rechte Parteienlager nicht repräsentativen Deutschnationalen beschreiben, aber nicht die Nazis. Zwischen ihnen und den konservativen und liberalen Parteien der Weimarer Zeit gab es fast keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten. Und Franz von Papen war längst kein Zentrumspolitiker mehr, als er 1932 auf die unsinnige, von vornherein zum Scheitern verurteilte Idee kam, die Nazis durch Einbindung schwächen zu wollen und politisch erledigen zu können. Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte sich bis weit hinein in den Januar 1933 dagegen gesträubt, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Wäre das Wählervotum bei den Wahlen im November 1932, das die Nazis trotz Stimmenverlusten erneut zur stärksten Kraft machte, anders ausgefallen, hätte er das nicht gekonnt. Und hätten sich die republiktreuen Weimarer Parteien in ihrem Handeln nicht gegenseitig blockiert, wären die Wähler nicht in Scharen zur NSDAP übergelaufen.
Die Nazis waren unter dem Werkzeugschlosser Anton Drexler ursprünglich als antisemitische Arbeiterpartei gestartet, als die sie sich neben Sozialdemokraten und Kommunisten jedoch niemals hätten behaupten und durchsetzen können. Unter Adolf Hitler, der 1921 den Parteivorsitz übernahm, aber kein Arbeiter, kein Handwerker, kein Kleinunternehmer, kein Bürgerlicher, kein Freiberufler, kein Künstler und noch nicht einmal ein echter Bohemien war, öffnete sich die NSDAP für sämtliche Schichten. Hitler verkaufte sich als Heilsbringer und Retter Deutschlands, passte sich wechselnden Anlässen und Auditorien an und versprach fast allen alles. Er selbst wurde seit den frühen 1920er Jahren von Helene Bechstein, der Frau des Berliner Klavierherstellers Edwin Bechstein, von der weit über das rechtskonservative Milieu hinaus wirkenden Münchner Verlegergattin Elsa Bruckmann und ab 1923 schließlich auch von Winifred Wagner gefördert, der Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner. Sie brachten Hitler Manieren und Tischsitten bei, kleideten ihn ein und bezahlten seine Miete, besuchten ihn während seiner Landsberger Haft und versorgten ihn mit Schreibpapier für die Abfassung von „Mein Kampf“ usw. Schon dadurch kamen Verbindungen der NSDAP zu kulturellen Kreisen der wilhelminischen Bildungseliten zustande. Ab 1926 vertieften sie sich über Baldur von Schirach, den Sohn des ehemaligen Generalintendanten des Weimarer Hoftheaters, überdies ins studentische Milieu. Anfang der Dreißigerjahre, noch vor Hitlers Machtergreifung, beherrschte der Nationalsozialistische deutsche Studentenbund die Allgemeinen Studentenausschüsse an den deutschen Universitäten. 1932 heiratete von Schirach Henriette Hoffmann, die Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann, wurde erster Reichsjugendführer und später Gauleiter sowie Reichsstatthalter in Wien. Studenten befanden sich neben Arbeitern und Arbeitslosen auch unter dem Fußvolk der paramilitärischen Kampftrupps der SA. Brutalität, Gewalt und bürgerkriegsähnliche Zustände auf den Straßen und in den Wahlkämpfen der Weimarer Republik wurden allerdings nicht allein von den Nationalsozialisten, sondern auch von Kommunisten und selbst von Sozialdemokraten befeuert.
Was die Alfred Rosenbergs, Winifred Wagners und von Schirachs unter deutscher Kultur verstanden und wofür sie ab 1929 mit ihrem „Kampfbund“ eintraten, war mit Ausnahme der Opern Richard Wagners nach 1945 endgültig erledigt, während sämtliche Künstler, die sie als „undeutsch“ aussortierten und die selbst damalige Konservative, die Stefan George bevorzugten, noch hätten durchgehen lassen: Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Heinrich und Thomas Mann, Max Liebermann, Max Beckmann, Ernst Barlach, Friedrich Wilhelm Murnau oder G. W. Pabst heute als deutsche Klassiker der kulturellen Moderne tradiert werden. Gleiches gilt für Theaterregisseure wie Max Reinhardt oder Erwin Piscator, Dramatiker wie Bertolt Brecht oder Dirigenten wie Otto Klemperer, die der „Kampfbund“ seinerzeit „Kulturbolschewisten“ nannte.
Nach dem 30. Januar 1933 änderte sich alles: Wie Götz Aly treffend konstatiert hat, wurde die NSDAP schließlich zur milieuübergreifenden ersten deutschen Volkspartei. 1945 zählte sie um die 9 Millionen Mitglieder, das heißt, um die 20 Prozent der deutschen Bevölkerung. Noch gespenstischer war: Der überwiegende Teil der Deutschen duckte sich weg, passte sich an, lief und machte mit, sei es auf seiten der Unternehmer, sei es bei den sozialdemokratisch, kommunistisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeitern, sei es im Wissenschafts-, Kunst- und Kulturbetrieb. Ohne die vielen ausgezeichneten, vor 1933 linken oder politisch indifferenten Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren, Komponisten, Dirigenten etc.pp – Hans Albers, Heinrich George, Emil Jannings, Gustav Gründgens, Marianne Hoppe, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, um nur die berühmtesten zu nennen – hätte Goebbels kein auch nur halbwegs niveauvolles Theater-, Film- oder Musikleben präsentieren können. Denn originär nationalsozialistisch war nur die Verbindung von Kitsch und Tod oder Schauder und Idylle, wie der Historiker Saul Friedländer die Substanz der NS-Kultur treffend kennzeichnete. Sowohl ästhetisch als auch technologisch zehrte das NS-Regime von den diesbezüglich dynamischen Entwicklungen und Innovationen des Kaiserreichs und der verhassten Weimarer Republik, die es mit seinem morbid-destruktivem Charakter innerhalb von nur zwölf Jahren unwiederbringlich in Schutt und Asche legte. Und mit ihnen die Lebenswelten fast ganz Europas. Weil die Nationalsozialisten, SA- und SS-Männer sehr jung waren – die Jahrgänge von 1895 bis 1922 -, die in ihrem Sinne handelnden Künstler, Professoren, Lehrer, Ärzte und Juristen auch, blieben sie noch für Jahrzehnte Teil der deutschen Gesellschaft, die, weil sie sie gewähren hatte lassen und sich deshalb mitschuldig machte, kein Bedürfnis nach Auseinandersetzung und Aufarbeitung verspürte. Der Nationalsozialismus war eine deutsche Anomalie, gewiss, die aber in Deutschland wenigstens sechs lange Jahrzehnte Normalität gewesen ist.