Seit einiger Zeit kann man über den podcast von Paul Ronzheimer den zweiwöchentlichen podcast „Zeitreise“ seines Kollegen Philipp Piatov hören. Was diesen von anderen Geschichtspodcasts unterscheidet, ist der simple Umstand, dass Piatov zum Thema jeweils glänzend ausgewiesene Historiker befragt, anstatt die Fakten selber zu präsentieren und dabei Gefahr zu laufen, sich in Relevanz, Gewichtung und Zusammenhängen mächtig zu vertun, wie es in so manchen ähnlichen Vorhaben seiner Kollegen leider geschieht. Piatov stellt häufig genau die Fragen, die ihn und die Zuhörer davor bewahren, Kurz- und Fehlschlüssen zu erliegen. „Zeitreise“ bietet deshalb nicht nur brillant aufbereitetes Faktenwissen, sondern zeigt beiläufig auf, wo sich Fallstricke befinden.
Die Gesprächspartner bringen oft zusätzlich fachinterne Reflexionen ein, die klären können, warum man beispielsweise ab den 1960er Jahren mit den Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer irrtümlich glaubte, das deutsche Kaiserreich trüge die Hauptverantwortung oder gar die alleinige Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs (https://www.youtube.com/watch?v=kpkEjJp47BQ). Der Historiker Dominik Geppert skizziert überdies, warum die Angst, komplexere Antworten zu den Gründen des Kriegsausbruchs 1914 könnten die eindeutig beantwortbare Frage nach der Schuld am Kriegsausbruch von 1939 relativieren, unbegründet ist. Vielmehr trübt diese Furcht die Sicht auf die alles andere als unkomplizierte geo- und innenpolitische Gemengelage aller beteiligten Großmächte, die im Juli 1914 die damaligen Entscheider komplett überforderte. Das war 1939, als Adolf Hitler beschloss, seinen langgehegten Plan zu Rache und Revanche umzusetzen, völlig anders. Und um das zu wissen, musste man die Frage nach dem Kriegsausbruch von 1914 erneut stellen. Dies um so mehr, als es ohne diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie der Historiker Fritz Stern den Ersten Weltkrieg nannte, keinen Zweiten, keine Shoah, noch nicht einmal die Sowjetunion, Mussolinis Faschisten in Italien und die Nationalsozialisten in Deutschland gegeben hätte. Zweifellos hätte die Menschheit länger auf das Frauenwahlrecht, das Radio, Passagierflugzeuge etc.pp gewartet, aber gekommen wären sie irgendwann auch ohne die Massenschlächterei.
Es war jahrzehntelang von untergeordneter Bedeutung nach der Rolle des Balkans, des fast ein Jahrhundert währenden Niedergangs des Osmanischen Reichs und der imperialistischen Politik des zaristischen Russlands zu fragen. Heute aber ist all das wichtig. Einmal, weil das heutige Europa mit seinen Nationalstaaten um 1900 plus minus 20, 30 Jahre überhaupt erst entstand. Zum anderen, weil die drei großen totalitären Widersacher von Rechtsstaat und Demokratie, der Faschismus/Nationalsozialismus, der Sowjetkommunismus und der islamische Fundamentalismus in Gestalt der Muslimbruderschaft eine, wenn auch keineswegs zwangsläufige Folge des Ersten Weltkriegs gewesen sind, die das gesamte 20. Jahrhundert hindurch weltweit für Abermillionen Tote sorgten. Durch Ajatollah Chomeinis Machtergreifung und das Mullah-Regime im Iran begann das Massenmorden aufs Neue. Ohne Chomeinis späten Sieg wären Hisbollah, Hamas und Al Qaida nebst all ihren Ablegern und Nachfolgern nicht entstanden. Das 21. Jahrhundert wäre nicht so mörderisch mit dem islamistischen Terroranschlag von 9/11 in den USA eröffnet, nicht mit dem Islamischen Staat (IS) fortgesetzt und nicht mit dem Terrormassaker vom 7. Oktober 2023 in Süden Israels gekrönt worden, das viele Nichtjuden im Westen leider noch immer für einen Regionalkonflikt halten, der sie nicht betrifft. Auch das ist ein schwerwiegender Trugschluss, denn es ging und geht nicht nur um Israel, sondern auch um London, Paris, Berlin und New York, wie der dortige aktuelle Bürgermeister und die radikale Linke im Westen durch ihren Schulterschluss mit den Islamisten beweisen. Es ist der Westen, der auf dem Spiel steht, nicht allein die Existenz Israels.
Als das Osmanische Reich 1914 an der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn in den Weltkrieg eintrat, rief der Sultan zum Dschihad, dem Heiligen Krieg auf. Diesem Aufruf leisteten die Muslime damals zwar keine Folge, aber der türkische Langzeitpräsident Recep Tayyip Erdogan träumt schon wieder von der Sultanswürde und dem Kalifat, die Atatürk 1924 abgeschafft hatte, so wie sich Wladimir Putin gern in der Nachfolge Peters des Großen sieht. Heute hat die westliche Welt also noch immer direkt, indirekt und in zahlreichen Umkehrungen, Verzerrungen und Verirrtheiten mit den Folgen der Folgen des Ersten Weltkriegs zu kämpfen.
Die vor 1914 teils zu Österreich-Ungarn, teils zum zaristischen Russland gehörende Ukraine begehrten und verheerten sowohl Stalin und Hitler als auch gegenwärtig Putin und es kann nicht schaden zu erfahren, warum, sprich: welche Antworten der Osteuropahistoriker Martin Schulze-Wessel darauf geben kann (https://www.youtube.com/watch?v=3DVa-WoTyBU). Wie der einstige KGB-Offizier Putin überhaupt die Macht im postsowjetischen Russland übernehmen konnte und was ihm dabei in die Hände spielte, beantwortet Irina Scherbakowa (https://www.youtube.com/watch?v=oZQm0_sA55A). Putins Diktatur und Kleptokratie wäre in Gefahr, würde sich herausstellen, dass die Ukraine auf ihrem Weg zu Demokratie und Rechtsstaat, also in den Westen, erfolgreich ist. Putins destruktive Wut und sein mörderischer Hass auf die Ukraine erklären sich daraus. Warum er für viele Russen das kleinere Übel ist und sie nicht gegen ihn aufbegehren, bleibt weiter ein Rätsel. Für Europa ist der Fortbestand der Ukraine von immenser Bedeutung. Gewänne Putin, verlöre der Westen.
Die Deutschen wählten bereits im Sommer 1932 die Weimarer Demokratie und mit ihr das zarte Pflänzchen des Westens ab, als sie mehrheitlich für die Nationalsozialisten, die Kommunisten und die Deutschnationalen votierten? Die Frage, warum ein an Politik nicht sonderlich interessierter Weimarer Schreibwarenhändler 1933 kurzsichtig für die NSDAP stimmte, womit sich viele Leute in der Weimarer Republik herumschlagen mussten und wieso sie dann ein nationalsozialistisch regiertes Deutschland mittrugen, das noch viel größeres Unheil anrichtete als der Kaiser und sein Kanzler 1914, ist Gegenstand der beiden ersten podcast-Folgen mit Katja Heuer und Götz Aly (https://www.youtube.com/watch?v=3XxWia4wHec&list=PLWCwbDRIGWfySzHiRhxrQ_bJmJusNRw2p&index=66; https://www.youtube.com/watch?v=uXJ0Qd-0nC8).
Ob man aus der Geschichte lernen kann, weiß ich nicht. Sicher aber ist, dass man keine Lehren aus ihr ziehen kann, ohne sie zu kennen. Dass sie sich nie eins zu eins wiederholt, ist eine Binse. Dass niemand aus ihr aussteigen kann, ebenfalls. „Zeitreise“ hilft dabei, sich klarzumachen, wie verzwickt, verdreht und in Deutschland manchmal verdruckst Geschichtliches in die Gegenwart hineinragt. Aber auch dabei, sich von Politikern, die sich auf die Geschichte berufen, kein X für ein U vormachen zu lassen.