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Warum der Islamismus als dritter Totalitarismus übersehen wurde

Muslimbrüder, Millî Görüs und die Ajatollahs im Iran bilden seit einem halben Jahrhundert eine feste Größe in Europa. In den Islamverbänden hat sie sich institutionalisiert und ist zum Faktor im Politikbetrieb geworden. Wie das geschah und dass es strategisch angelegt war, kann man im neuen Buch „Der politische Islam – eine hybride Bedrohung Europas, Der ‚Civilization Jihad‘ der Muslimbruderschaft“ von Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav Gustenau nachlesen (dazu Heinisch im Interview mit Mena watch: https://www.mena-watch.com/die-gesellschaft-an-den-islam-gewoehnen/). Es war, so Heinisch, ein Strategiepapier der Muslimbrüder aus den 1980er Jahren, das man bei Hausdurchsuchungen Anfang der Nullerjahre fand, das über die einzelnen Schritte Auskunft gab, die unternommen wurden, um in Europa Fuß zu fassen. Die ersten beiden Phasen sind so gut wie abgeschlossen: Die Ansiedlung und Verankerung in den einzelnen europäischen Staaten begann Ende der fünfziger und dauerte bis in die achtziger Jahre. Die zweite Phase umfasste das Eindringen in die bestimmenden Organisationen und Institutionen, um Einfluss zu gewinnen, sprich: der Eintritt in Parteien und Massenorganisationen, die Gründung eigener Vereine, Gesellschaften und Stiftungen sowie die lokale und regionale Vernetzung. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde man als finsterer Verschwörungsdenker gelabelt, wenn man von einer Unterwanderung von Parteien wie der SPD, der Grünen, der LINKEN und sogar der CDU durch Islamisten auf lokaler und Landesebene redete, die mittlerweile in Berlin, Frankfurt am Main, München oder Hamburg offenkundig geworden ist, wie man an den üblichen Einladungen von Politikern zum Fastenbrechen, gar seines Zelebrierens in lokalen und Landesparlamenten leicht ablesen kann. Sinn und Zweck dieser Unterwanderung: Man findet Bündnispartner, die einen in der Öffentlichkeit gegen Islamismus-Vorwürfe verteidigen und Kritiker im Gegenzug mit Islamophobie-Vorwürfen überziehen.
Als Kaderbewegung organisatorisch einst von den italienischen Faschisten inspiriert und in den dreißiger und vierziger Jahren von den Nationalsozialisten finanziert, nahm die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft später auch Anleihen beim Sowjetkommunismus. In München haben sie sich Ende der 1950er Jahre angesiedelt und sitzen durch die Gründung Islamischer Zentren in ganz Deutschland inzwischen fest im Sattel. Said Ramadan, der Schwiegersohn Hasan al-Bannas, des Gründers der islamistischen Bewegung der Muslimbrüder, hijackte gewissermaßen eine ursprünglich ohne ihn zustande gekommene Moscheebaukommission in München, indem er sich an ihre Spitze stellte und sie für die Muslimbrüder vereinnahmte. Der 1994 gegründete Zentralrat der Muslime steht der Muslimbruderschaft nahe – das muss man so formulieren, will man von den Islamisten nicht verklagt werden. Die Muslimische Jugend Deutschland wurde als Kaderschmiede von den Muslimbrüdern gegründet. Fereshta Ludin, die Ende der neunziger Jahre den Kopftuchstreit in Deutschland vom Zaun brach, war in ihr aktiv. Die Hamas ist übrigens der arabisch-palästinensische Zweig der Muslimbrüder.
Den Muslimbrüdern ideologisch eng verbunden ist die türkische Millî Görüs, die allerdings andere Ursprünge hat, dazu kurz und kompakt Heiko Heinisch: https://www.youtube.com/watch?v=A_31Y6ABUH4. Laut Heinisch ist die DITIB durch das Wirken Recep Tayyip Erdogans, der ein Kind dieser Bewegung ist, von der Millî Görüs durchsetzt und durchdrungen. 2008 musste Erdogan noch persönlich in Köln auftreten, dem Hauptsitz der Millî Görüs, um 20.000 türkische Staatsbürger vor einer Integration in Deutschland zu warnen. Das ist inzwischen nicht mehr nötig, zumal die großen Islamverbände durch die Islamkonferenz offizielle Partner des bundesdeutschen Staats geworden sind. Das inzwischen glücklicherweise verbotene Islamische Zentrum Hamburg (IZH) war als offizielle Vertretung des Mullah-Regimes im Iran die dritte islamistische Kraft im Bund.
Und wieso sahen unsere deutschen Dichter und Denker all das nicht? Erstens war Europa nach der Niederschlagung von italienischem Faschismus und Nationalsozialismus, die über die Figur des Muftis von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, die Hauptverbündeten der Muslimbrüder im damaligen Europa waren, die Verbindung mehr oder weniger gekappt worden. Dem Mufti gelang, obwohl von den Alliierten als Kriegsverbrecher gelistet, im Frühsommer 1946 die Flucht aus der französischen Gefangenschaft nach Ägypten, wo er von Hasan al-Banna mit warmen Worten in Kairo empfangen wurde. Erst Said Ramadan, der Schwiegersohn al-Bannas, konnte dann zehn Jahre später die alten Kontakte wieder aufwärmen und an sie anknüpfen. Schon der Mufti hatte in Genf ein Büro unterhalten. Die Startrampen waren also immer vorhanden. In den fünfziger und sechziger Jahren verloren die Muslimbrüder den Machtkampf in der arabischen Welt. Bis zum Machtantritt Ajatollah Chomeinis 1979 im Iran, der zum Gamechanger in der islamischen Welt wurde, gab es keinen Anlass, den Blick auf die totalitäre Bewegung des islamischen Fundamentalismus zu richten. Das alles änderte sich Anfang der achtziger Jahre abrupt, als mit dem iranischen Mullah-Regime auch seine Proxys Hisbollah und die Hamas entstanden. Für die Muslimbrüder war Chomeinis islamische Revolution so etwas wie ein Jungbrunnen sowohl in der islamischen Welt als auch in Europa. Zweitens stand zwischen 1947 und 1989 der Kalte Krieg mit seiner Blockkonfrontation im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Drittens verstehen leider viele europäische Politiker bis heute nicht, dass die muslimische Einwanderung viel zu oft eben nicht mit dem Ziel erfolgt, sich wie alle anderen Einwanderergruppen auch, an die Verhältnisse in den Aufnahmeländern anzupassen, sondern im Gegenteil, die Aufnahmegesellschaften umgekehrt langsam dem Islam zu assimilieren. Darum zog Ludin gegen das Neutralitätsgebot an staatlichen Schulen zu Felde, um das Kopftuch zu normalisieren. Darum beten Islamisten im öffentlichen Raum, den sie dadurch zu einer Freiluftmoschee umfunktionieren. Darum gibt es seit Jahren Streit um Pausenbrote an Schulen während des Ramadan. Darum fand ein öffentliches Fastenbrechen in den Räumen des Deutschen Bundestags statt, der eigentlich Ort staatlicher Neutralität sein sollte. Heinisch sagt in einem weiteren Gespräch rundheraus: Die Naivität europäischer Politiker bestand und besteht darin, nicht begriffen zu haben, dass die islamischen Fundamentalisten, die hier seit Jahrzehnten leben und wirken, die Europäer als Feinde betrachten und bekämpfen (https://artisapieceofcake.art/2026/05/06/die-kunst-des-sachbuchs-gespraech-mit-heiko-heinisch-historiker-und-autor-der-civilization-jihad-der-muslimbruderschaft-das-neue-buch-beim-nomos-verlag-mit-dem-titel-politischer-isla/). Das wäre der vierte Grund dafür, warum die Europäer den politischen Islam nicht als totalitäre Bewegung auf dem Schirm hatten. Und der fünfte ergibt sich daraus: Seit einem Vierteljahrhundert wird den Menschen eingeredet, dass sie islamfeindlich – „islamophob“ -, rassistisch, Demokratie-, Grundgesetz- und Menschenrechtsfeinde wären, wenn sie auf das hinweisen, was jedermann vor Augen liegt: Kämpfe um den öffentlichen Raum, Konflikte an Schulen und Universitäten, im Wissenschaftsbetrieb und in öffentlich-rechtlichen Medien.
Zu gewinnen ist der Kulturkampf in Europa, den die Muslimbrüder selber „Civilisation Jihad“ nennen, nur mithilfe säkularer und liberaler Muslime als enge Bündnispartner in Politik, Gesellschaft und Medien. Mit der von Staatssekretär Christoph de Vries im Bundesinnenministerium angesiedelten neuen Beratergruppe zum Islamismus, der unter anderem Ahmad Mansour, Güner Balci, Gülden Hennemann und Ali Ertan Toprak angehören, ist in Deutschland zumindest ein ausbaufähiger Anfang gemacht.