Weil die AfD aus verschiedenen Gründen unwählbar – u. a. antiwestlich, antiisraelisch, prorussisch -, aber trotzdem nicht die wiedererstandene NSDAP ist – https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/goetz-aly-anders-als-hitler-ist-die-afd-nicht-kriegsluestern/ -, muss man über ihre Wahlerfolge und die Gründe dafür reden. Von Anfang an verstanden die Leute um Götz Kubitschek, der nie in die Partei aufgenommen wurde, und Björn Höcke die AfD als Einstiegshilfe in die deutschen Parlamente. Ein Vorankommen mit der NPD, deren Horizont sich ungefähr mit der Vorstellungswelt eines Höcke deckt, hatte sich als unmöglich erwiesen. Es lag nahe, sich einer dezidiert nicht rechtsextremen Partei anzuschließen, in ihrem Schlepptau in die Parlamente einzuziehen und diese Partei dann immer weiter auf die erstrebte Richtung hin zu öffnen. Kubitschek und Höcke kommen aus dem Westen, leben aber im Osten. Das zu bemerken, ist deshalb von Belang, weil die rechtsextreme Szene im Osten anfänglich radikal antiparlamentarisch gewesen ist. Inzwischen scheint sie dazugelernt zu haben, würde allerdings gegenwärtig höchstwahrscheinlich keine andere Partei außer der AfD wählen, weil sie als einzige nicht schon an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde.
Als sie es noch konnte, hat sich die AfD der Höckes et al nicht entledigt, vermutlich aus dem Kalkül heraus, die rechtsextremen Stimmen einzusammeln. Jetzt, da sie es schon nicht mehr kann, ohne Stimmenverluste um geschätzt 20 bis 30 Prozent zu erleiden und innerparteiliche Richtungskämpfe zu riskieren, geschieht das, worauf Kubitschek, Höcke et al spekuliert hatten: Der größere Rest der AfD dreht bei. Zumindest im Osten.
Im aktuellen Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ist das ziemlich offensichtlich. Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat, ein ehemaliges CDU-Mitglied, ist kein Rechtsextremist. Aber gefragt, wie er den Holocaust geschichtlich einordnet, weicht er mit Rücksicht auf die Rechtsextremen unter seinen Wählern aus. Und wenn Ulrichs engere Mitstreiter „Sieg“ in die Menge rufen, ertönt aus ihr das erwartete „Mund“ zurück, womit der NS-Sound perfekt und das entsprechende Wählerpotential abgegrast ist. Ob Siegmunds Mitarbeiter selber noch immer rechtsextrem ticken oder die Heimattreue deutsche Jugend eine nach inzwischen zwanzig Jahren verzeihliche Sünde ist, wie die Neonazi-Vergangenheit des Ehemanns der aktuellen grünen Spitzenkandidatin, spielt keine Rolle. Es zählt, wie und womit Siegmund für sich und die AfD wirbt und werben lässt. Und das ist der für jedermann auch in der Modifikation erkennbare „Sieg Heil“-Ruf der NSDAP. Und es ist dann egal, dass die Mitglieder der AfD überwiegend weder Neonazis noch Rechtsextremisten sind, auch wenn es in dieser Partei fraglos reichlich Antisemiten, Geschichtsrevisionisten etc.pp gibt. Gleiches gilt für die AfD-Wähler, die zu mindestens 70 bis 80 Prozent nichts mit Rechtsextremen, Neonazis, Geschichtsrevisionisten etc.pp am Hut haben.
Und was wollen sie dann? Die normalste Sache in einer Demokratie, die sich durch den Politikwechsel geradezu definiert: Dass es eine merkbare Korrektur in der als verheerend und falsch erkannten Migrations-, Wirtschafts- und Energiepolitik gibt. Friedrich Merz und die Union hatten es in der Hand. Für seine Wortbrüche, Umfaller und seinen Umgang mit den Bürgern wird der Kanzler in Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September gewählt wird, und Sachsen-Anhalt, wo der Urnengang am kommenden Sonntag stattfindet, ausgebuht. Zu Recht.